Großzügigkeit wärmt die Herzen und knüpft Beziehungen zwischen Menschen. Verhaltens-Ökonome konnten Ende des 20. Jahrhunderts beweisen, dass dieses Verhalten tief in der Evolution des Menschen verankert ist und darauf abzielt, das Wohlbefinden Dritter zu verbessern. Im unternehmerischen Kontext wird die Basis für eine Mitarbeiterbindung und damit für eine langfristige, gewinnbringende Arbeit oftmals durch flexible Arbeitszeitmodelle, oder Mobilfunk-Verträge, Dienstfahrzeuge etc. gefördert.

Handelt es sich in diesem besonderen Kontext nicht oft um eine verführerisch-berechnende Großzügigkeit und wird zumeist mit Wertschätzung verwechselt?

Hierzu ein Beispiel: Sebastian M., Abteilungsleiter eines großen Unternehmens ist fassungslos. Der Grund dafür ist die Kündigung seiner jungen Mitarbeitenden Franziska S.

Diese hatte ihm heute eröffnet, dass sie den Job wechseln und zu einem Start Up Unternehmen gehen möchte. Für Herrn M ist diese Entscheidung nicht nachvollziehbar, weil Frau S seiner Meinung nach alle Privilegien hatte, die man sich nur vorstellen kann, einen Dienstwagen, ein Diensthandy und ein gutes Gehalt. In der neuen Firma, dem Start Up Unternehmen, wird Frau S definitiv weniger verdienen und auch keinen Dienstwagen bekommen. Auf die Frage nach dem Grund ihrer Kündigung, antwortete sie mit der Begründung, zu wenige Entfaltungsmöglichkeiten und Wertschätzung erfahren zu haben. Aus Herrn M´s Sicht gibt es keine größere Wertschätzung als einen Dienstwagen und ein gutes Gehalt.

 

Wertschätzung wird individuell erfahren


Firmen zeigen sich oftmals großzügig durch flexible Arbeitszeitmodelle, Home-Office etc., und knüpfen daran hohe Erwartungen an die Mitarbeitenden.
Diese Form der Einzahlung in die Beziehung der Mitarbeitenden wird von diesen zwar dankend angenommen, im Fall von Frau S. reichte es als Wertschätzung ihrer bisherigen Leistung jedoch nicht aus. Was hat ihr gefehlt?
Schaut man sich Studien über die Zufriedenheit am Arbeitsplatz an, geht es selten um das Gehalt oder andere Sozialleistungen, sondern an erster Stelle steht die Wertschätzung und die Möglichkeit zur Wirksamkeit am Arbeitsplatz. Mitarbeitende deren Wunsch danach erfüllt wird, entwickeln ein starkes Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten und übernehmen auch gerne Verantwortung.

Frau S. hat nie ein Lob von ihrem Vorgesetzten gehört oder das Gefühl bekommen, wichtig zu sein in ihrer Arbeit. Stattdessen erlebte sie Zeitdruck und Unwirksamkeit.  Hinzu kam, dass Sie ihren Arbeitsplatz als einengend, ohne eigenen Entscheidungsrahmen. Micro-Management ist der vorherrschende Führungsstil von Herrn M.

 

Beziehungen gestalten – heißt Wertschätzung geben
Menschen, die in Beziehung miteinander treten, führen eine Art inneres Konto. Der Begriff Beziehungskonto ist ein Sinnbild und meint, dass wir Menschen innerlich speichern, wie uns andere Menschen behandeln. Jeder unserer Freunde, Bekannten, Kollegen und Partner hat sein eigenes Konto bei uns und jede Tätigkeit der anderen Person uns gegenüber wird auf unserem internen Konto verbucht. So verbuchen wir zum Beispiel Einzahlungen auf diesem Konto, wenn die jeweilige Person uns etwas Gutes getan oder etwas Freundliches zu uns gesagt hat.

Zu Abbuchungen auf dem Konto kann es kommen, wenn wir enttäuscht sind durch Handlungen oder Aussagen des anderen. Somit sorgt unser internes Beziehungskonto dafür, dass wir lieber Zeit verbringen mit den Menschen, mit welchen wir positives verbinden, anstelle mit Menschen, die uns viel Kraft kosten. Das gleiche lässt sich auch im betrieblichen Kontext beobachten.

 

Das Beziehungskonto von Franziska S. zu ihrem Vorgesetzten war schon seit längerer Zeit in einem negativen Saldo, denn das Problem bei den so genannten Einzahlungen ist die Währung. Zwar hat Herr M aus seiner Sicht auf das Konto eingezahlt, in Form von Dienstwagen, Geld und Handy-Vertrag, Frau S hätte sich aber viel lieber ein Lob und Anerkennung ihrer Arbeit und Einflussnahme auf ihren Arbeitsbereich gewünscht.

Die Währungen der Wertschätzung für Mitarbeitende

Für Mitarbeitende gibt es fünf verschiedene Währungen, die als Einzahlung erlebt werden.
1. Lob und Anerkennung
zum Beispiel: „Frau S. das Gespräch mit dem Kunden, dass Sie soeben geführt haben, war hervorragend, weil….“
2. Hilfsbereitschaft
Frau S. „Ich sehe, Sie haben viele Projekte auf dem Schreibtisch, gibt es etwas, was Sie entlasten kann?“
3. Geschenke/Zusatzleistungen
Social Events oder kleine Aufmerksamkeiten – Beispiel am 6. Dezember ein kleiner Nikolaus auf dem Schreibtisch. Natürlich zählen hierzu auch das Diensthandy, der Dienstwagen oder eine Weihnachtsfeier – es muss jedoch nicht immer eine solche Größe haben.
4.Delegation
Delegation von Verantwortung:

„Ich habe schon mehrfach beobachtet, wie Sie sich in neue Themen einarbeiten und Herausforderungen annehmen. Möchten Sie unser nächstes, komplexes Thema als Projektleiterin betreuen?“
5. privaten Smalltalk
Zeigen Sie auch Interesse an der Person des Mitarbeitenden z. B. mit der Frage: „Wie war denn ihr Wochenende? Wo fahren Sie in den Ferien hin?  etc.“

 

 

Im Falle von Franziska S. wurde nur auf die Währung Geschenke/Zusatzleistungen eingezahlt. Sie hätte sich jedoch über neue Herausforderungen, zum Beispiel Delegation von Verantwortung, Lob und Anerkennung viel mehr gefreut und hat dies auch erwartet.  An ihrem neuen Arbeitsplatz in dem Start Up Unternehmen, ist sie sich sicher, dies zu finden. Das Unternehmen ist weniger hierarchisch geprägt und gibt ihr von Anfang an das Gefühl, dass Sie sich mit ihren Fähigkeiten dort voll und ganz einbringen kann und gesehen wird.

Reflexionsfragen für Ihre Führung

  • Wenn Sie nun an Ihre Mitarbeitenden denken, in welchen Währungen zahlen Sie meist auf das Beziehungskonto ein?
  • Welche Art von Einzahlung fällt Ihnen leicht und welche schwerer?
  • Was denken Sie, welche Währung braucht dieser oder jener Mitarbeitende besonders?
  • Und wenn Sie an die letzten Wochen denken, glauben Sie, dass Ihr Kontostand bei diesem oder jenem Mitarbeitenden noch positiv ist.
  • Wenn Sie diese Fragen beantwortet haben und Sie der Meinung sind, es bräuchte eine Einzahlung – ist die Überlegung anzustellen:
  • Was könnten Sie tun, um Ihre Zusammenarbeit weiter zu festigen?
  • Kennen Sie die Währung in der eingezahlt werden sollte, oder sollten sie diese erst noch im Dialog mit dem Mitarbeitenden klären?

 

Das Auffüllen des Beziehungskontos ist kein Selbstläufer, man muss immer wieder bewusst damit beginnen und sich genau überlegen, welche Währungen zu den einzelnen Mitarbeitenden passen.
Wir sind soziale Wesen, die einander brauchen, nicht nur im Privatleben, sondern auch am Arbeitsplatz. Gerade die aktuelle Situation, wo so viele auf sich selbst zurückgeworfen sind, auf ihre Stimmungen, vielleicht sogar auf ihre Ängste, ist es notwendig darauf zu achten, dass die Beziehungen zwischen den Mitarbeitenden und Führungskräften nicht auseinanderbrechen. Einzahlungen auf das Mitarbeitenden-Konto werden wahrgenommen, wenn Stärken genutzt und Talente kontinuierlich weiterentwickelt werden. Motivation beginnt bei der Einbindung der Mitarbeitenden, bei der Entwicklung von Zielen und Strategien. Unausweichlich hat dies natürlich auch positive Auswirkungen auf die Arbeitsergebnisse.

Angela Kissel, Leiterin ifsm-Akademie Systemischer Coach ifsm

 

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